Kopfkino beim Cachen

Langsam neigt sich der Tag dem Ende entgegen. Ein anstrengender Tag liegt hinter mir. Ich parke am Rande eines Wohngebietes. Die Sonne senkt sich gemächlich und taucht die Szenerie in ihr warmes Licht. Eine letzte Dose soll es für heute noch sein. Ein einfacher Tradi am Wegesrand.

Ein staubiger Feldweg führt mich in die richtige Richtung. Die Karte zeigt den Cache wenige Meter neben dem Weg, aber noch sind es einige dutzend Meter bis zum Ziel.

Am Horizont ist in bedrohlich dunklen Wolken ein Wetterleuchten zu sehen.


Kurz vor dem Ziel, ein kleines Wäldchen am Wegesrand.

Dichtes Unterholz versperrt den Blick hinein. Ein leises Donnergrollen. Blitze zucken am Horizont. Das Unwetter kommt näher.

Das GPS zeigt noch zwanzig Meter an. Vorsichtig teile ich die dichten Büsche am Rande meines Pfades. Zwei Schritte und ich stehe mitten in einer anderen Welt. Verwitterte Fundamente, zum Teil im Morast versunken, als steinerne Zeugen der Vergangenheit. Über mir das Blätterdach des Waldes, das nur noch ein leicht gedämpftes Licht hindurchlässt.

Balancierend über verschlungene Mauerreste, zwischen denen unergründlich tiefes Wasser steht, erreiche ich mein Ziel.

Ich strecke meine Finger nach der Dose, erreiche sie. Öffne sie. Trage mich in das leicht feuchte Logbuch ein.

Ein Blitz erhellt die Szenerie. Schattenspiele im inzwischen düsteren Wäldchen. Der Donner grollt. Leichter Regen prasselt leise auf das Blätterdach. Ein paar Mücken versuchen Ihr Glück auf meinem Arm.

Als ich einen Moment später meinen Fund auch im GPS vermerken möchte, hat es sich ausgeschaltet. Der Akku ist leer. Ein Griff an die Gürteltasche. Sie ist im Auto. Es sollte ja nur eine schnelle Dose werden. Stift und GPS sollten reichen.

Ich blicke mich um. Alles sieht gleich aus.

Woher bin ich gekommen?

Der Donner grollt. Blitze zucken über den Himmel.

Ich balanciere über die labyrinthartig verschlungenen Fundamentreste in die für mich plausibelste Richtung. Es geht nicht mehr weiter. Ich drehe um. Stehe erneut vor dem Ende.

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich erinnere mich an „Das Mädchen“ von Stephen King, dass ich vor langem einmal gelesen habe. Kopfkino.

Das kleine Wäldchen scheint plötzlich unendlich groß. Es nimmt kein Ende. Herzklopfen. Aufsteigende Panik schnürt den Hals zu.

Ein unachtsamer falscher Schritt, mein Fuß versinkt gurgelnd im morastigen Wasser neben dem Mäuerchen. Zum Glück nicht allzu tief. Mühsam ziehe ich ihn wieder aus den dunklen Fluten. Ich fluche.

Weiter schnelle Schritte. Hier entlang, dann dort. Ein Versuch. Und noch einer. Wie war das noch?

Nach gefühlten Stunden stehe ich plötzlich und unerwartet wieder auf dem Weg, ein paar Meter neben der Stelle, an mich das Wäldchen verschluckt hat. Direkt über mir tobt jetzt das Unwetter.

Ich eile in Richtung Auto, dass ich völlig durchnässt erreiche. Ein Blick auf die Uhr zeigt, ich war gerade einmal 23 Minuten unterwegs.

2 Gedanken zu „Kopfkino beim Cachen

  1. So was habe ich mal mit dem Fahrrad erlebt, war auf einmal so im Wald verstrickt, in einer Gegend wo ich mich nicht auskannte, dass ich ewig bis zu einem normal Weg brauchte und das Fahrrad noch neben bei getragen aber bei mir war zum Glück kein Unwetter. Aber echt gut, dass es nur 23 Minuten und keine Stunden gedauert hat. 😉

  2. Im Grunde eine spannende Geschichte… Aber eigentlich eine sehr typisch traurige. Kein Blick für die Umgebung – null Orientierungssinn – nur der Blick aufs GPS. Einfach mal öfter hochschauen und links und rechts schauen. Dann findet man schon 20m zurück…

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