Platzangst

Es ist dunkel. Es ist kalt. Eiskalt. Der Atem kondensiert in der klaren Luft. Ich – wir – stehen auf einem kleinen Parkplatz unter einer Autobahnbrücke. Der Verkehr rauscht über uns. Eine Straßenlaterne beleuchtet aus einiger Entfernung die Szene mit ihrem schummerigen Licht. Versteckte Reflektoren hatten uns von den Parkkoordinaten den Weg durch die Stadt hierher an diesen einsamen Ort gewiesen. Der Verlauf des weiteren Weges war nach anfänglichen Unklarheiten offensichtlich.

Warten auf einen Nachzügler, der noch einmal zurück zum Cachemobil musste, um seine Ausrüstung zu ergänzen. Umschauen. Kleine Eiskristalle lassen die Moosschicht auf einem vor Ewigkeiten hier abgestellten Anhänger im spärlichen Licht glitzern. Ein Frösteln steigt in mir auf. Die Mitcacher sind inzwischen schon einige Meter weiter.


 

Alleine stehe ich am Rande des weiten Platzes und komme mir verloren vor. Ich fühle mich beobachtet. Sitzt dort jemand in dem Auto mit den beschlagenen Scheiben? Es ist nicht angemeldet.

Ich möchte weg. Weiter. Ein knatternder Motorroller fährt vorbei.

Das Frösteln ist von den Füßen aufgestiegen. Ich kann die Gänsehaut spüren. Verdränge sie. Ich warte.

Nach gefühlten Stunden taucht der Nachzügler auf. Vertreibt die Einsamkeit. Es waren nur Minuten. Wir prüfen die Ausrüstung noch einmal und folgen den anderen. Niemand geht alleine.

Endlich nicht mehr auf dem weiten Platz. Geschützt vor neugierigen Blicken. Die Luft ist feucht. Der Geruch von Moder umgibt uns. Der Rest des Teams hat hier gewartet, um den weiteren Weg bis zum Cache gemeinsam zurückzulegen. Zeichen weisen unmissverständlich den weiteren Verlauf. Eisiges Wasser fließt uns entgegen. Umspült die Füße knöchelhoch und spritzt bei jedem Schritt. Auf dem Boden der Röhre haben sich Algen ihren Lebensraum gesucht. Lassen jede Bewegung zu einem Wagnis werden.

 

Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt uns trotz der Kälte schwitzen. Die Brille beschlägt. Auch wenn es eng ist, schein der weitere Weg leicht zu sein. Aufrechtes Gehen. Ich habe schon schlimmeres erlebt. Es hat mich an die Spitze verschlagen. Ich führe die Gruppe. Ein Vorbeikommen wäre hier ohnehin nicht möglich. Ich entdecke weitere Hinweise und folge Ihnen vorsichtig. Schnell komme ich vorwärts. Der Tunnel wird enger, kaum schulterbreit. Die Bewegung in ungewohntem Terrain fordert langsam Ihren Tribut. Ich atme schneller. Blicke zurück. Das übrige Team ist etwas abgefallen. Ich warte. Lautes plätschern. Sie kommen näher. Mir bleibt nichts übrig, außer dem Weg weiter zu folgen.

Der Tunnel wird noch enger. Nur noch gebückt geht es weiter. Schier endlose Meter. Doch die Zeichen und Hinweise sind eindeutig. Der Rucksack scheuert bei jedem Schritt an der Decke. Der Druck auf die Schultern wird immer größer. Einen Ausweg gibt es nicht. Umkehren? Weiter? Umdrehen ist in der Enge kaum möglich. Die Kehle schnürt sich zu. Der Mund wird trocken. Stehenbleiben. Ruhig atmen. Konzentrieren. Die Beklemmungen lassen nach. Weiter.

Endlich. Ein kleiner Raum tut sich auf. Gerade groß genug für die Gruppe. Aufrecht stehen. Dort der Cache. Mit leicht zittriger Hand schreibe ich mich in das Logbuch und reiche es weiter.

Es bietet sich nur eine Möglichkeit für den Rückweg. Wir müssen genauso wieder raus, wie wir hereingekommen sind. Ein Teammitglied nach dem anderen verschwindet in der engen, niedrigen Röhre. Ich bin letzter. Atme durch. Strecke den Rücken ein letztes Mal. Zwänge mich hinein. Vor mir sehe ich die Lampen der anderen flackern. Schnell hinterher. Ich bin schneller. Laufe auf. Will weiter. Ich will raus. Es geht nicht weiter. Ruhig atmen. Vor mir rutscht ein Mitcacher aus. Ich komme nicht hin, um zu helfen. Der Kollege vor mir hilft auf. Der Tunnel wird ein wenig weiter. Die Kollegen vor mir sind langsam. Schneller. Richtung Ausgang. Auch die anderen möchten raus.

 

Endlich frische Luft. Wenige Meter weiter stehe ich wieder auf dem Platz. Ich genieße die Weite.

 

Übrigens eine kleine Info zum Titel „Platzangst“ (vgl. Wikipedia: Agoraphobie).

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